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Wohnen für Geflüchtete – Teil IV

Das Prinzip von Containerdörfern funktioniert ähnlich wie die Errichtung einer Stadt mit Bauklötzen: In kürzester Zeit sind die ca. 3 x 6 m großen Kisten mithilfe eines Krans übereinandergestapelt. Noch rasch die Leitungen zur Wasser- und Stromversorgung gelegt, schon können die ersten Nutzer einziehen. Der klassische Iso-Wohncontainer bestehend aus einer Doppelblechwand und einer ca. 10 cm dicken Steinwolleschicht zur Wärmedämmung. Diese Lösung erfreut sich angesichts der steigenden Zahlen an wohnraumsuchenden Geflüchteten einer großen Nachfrage. Dies führt zu langen Wartezeiten, Lieferengpässen und horrenden Preisen. Schlechte Belüft- und Beheizbarkeit, mangelnder Schallschutz, rasches Rosten und eine ökologisch schwierige Entsorgung sind weitere Nachteile von Wohncontainern. Doch welche Alternativen gibt es? Wie können schnelle und gleichzeitig kostengünstige Lösungen zur Unterbringung der großen Zahl an Flüchtlingen aussehen?

Das Wichtigste in Kürze

  • Es gibt eine Vielzahl an Alternativen zur Unterbringung von Flüchtlingen, die sowohl für die Bewohner als auch für die Gesellschaft und die Umwelt vorteilhafter sind als standardisierte Blechcontainer.
  • Das Zusammenleben von mehreren Personen auf engstem Raum erfordert innovative Grundrisskonfigurationen in Kombination mit nachhaltigen Energieversorgungssystemen.
  • Holzmodule stellen aufgrund der kurzen Errichtungszeit und der zahlreichen positiven Eigenschaften des Baustoffs Holz eine gute Alternative zu Blechcontainern dar.

Better Shelter innovative Wohncontainer

IKEA ist für seine kostengünstigen und funktionellen Möbel und Wohnaccessoires bekannt. Kaum jemand weiß jedoch, dass es auch eine eigene IKEA Stiftung gibt, die Forschungsgelder für unterschiedliche Fragestellungen rund um das Thema Wohnen bereitstellt. In Zusammenarbeit mit dem UNHCR, der Flüchtlingshilfe der UN, hat die Stiftung auch einen innovativen Beitrag zum Thema Flüchtlingsunterbringung geleistet: die Entwicklung des Wohncontainers Better Shelter. Dieser sieht nach außen aus wie jeder andere Container in einem Flüchtlingslager, doch der Schein trügt. Der Stahl-Rahmen hält durch seine Verankerung im Boden Regen, Schnee und starkem Wind stand. Er besteht aus mehreren Einzelkomponenten, die im Schadensfall einfach ausgetauscht werden können und individuell miteinander konfigurierbar sind. Die Wände und das Dach bestehen aus Kunststoffplatten und verfügen über eine UV-Schutzschicht, welche Schäden durch starke Sonneneinstrahlung mindern.

Better Shelter housing units in Kawergosk, Iraq.

Außerdem ist die recyclebare Plattenverkleidung mit einem Plastikschaumstoff gepolstert, der für die Wärmedämmung sorgt. Insgesamt ist die Unterkunft 17,5 m2 groß und bietet Platz für bis zu fünf Personen. Die Lage der vier Fenster sowie der Tür können je nach Standort, Nutzung und individuellen Präferenzen angepasst werden. Die von beiden Seiten versperrbare Tür fördert das subjektive Sicherheitsempfinden. Mithilfe eines Solarkollektors wird Elektrizität für eine eingebaute Lampe sowie ein Handyladegerät generiert. Nach einer ca. vierstündigen Aufbauzeit sollen die Unterkünfte – bei moderaten Klimaverhältnissen – für drei Jahre nutzbar sein. Die Better Shelters können außerdem ganz einfach demontiert und wieder aufgebaut werden. Mit 1.085 € pro Unterkunft ist die schwedische Variante allerdings doppelt so teuer wie die herkömmlichen Lösungen. Dennoch wurden im Jahr 2015 mehr als 10.000 Bausätze für humanitäre Einsätze weltweit verkauft.

Holzmodul Holzfertighäuser statt Blechcontainer

Holzfertighäuser stellen eine gute Alternative zu Blechcontainern dar: Der hohe Vorfertigungsgrad ermöglicht eine rasche Errichtung, sie sind umweltfreundlich, sowohl die thermischen als auch die akustischen Probleme des Blechcontainerbaus entfallen und aufgrund der angenehmen Haptik und Optik entsteht ein besseres Wohngefühl. Die Firma Holzmodul hat sich beispielsweise auf die Schaffung von Wohnraum für Flüchtlinge in Holzmodulbauweise spezialisiert. Diese können nach einer Lieferzeit von drei bis sechs Monaten nach Baufreigabe durch die Genehmigungsbehörde vor Ort bezugsfertig errichtet werden. Die Holzmodule bestehen aus einer stabilen Holzrahmenbauweise, welche entweder als Elemente oder als fertiges Modul produziert werden. Die Schichtholzplatten fungieren einerseits als konstruktive Elemente und stellen andererseits die fertige Oberfläche der Innenräume dar.

Für Außenwand, Boden und Dachfläche sind unterschiedliche Dämmstärken wählbar. Durch die feuchtigkeitsregulierenden Eigenschaften der Holzdecken und -wände entsteht ein angenehmes Raumklima. Die Oberflächen sind zudem schallabsorbierend und wirken sich somit positiv auf die Raumakustik aus. Dies ist besonders in Unterkünften wichtig, in denen mehrere Menschen auf begrenztem Raum leben. Die Module können individuell geplant und produziert werden, weshalb die Abmessungen frei wählbar sind. Da die Innenwände nicht tragend sind, können auch die Grundrisse den jeweiligen Bedürfnissen angepasst werden. Beheizt werden die Holzmodule über Infrarot-Deckenheizkörper mit Thermostat-Steuerung. Gegen einen Aufpreis und abhängig von den örtlichen Gegebenheiten ist eine Beheizung über Gas, Fernwärme, Heizkörper oder andere Heiztechniken in den Modulen möglich. Die Holzmodule für Flüchtlinge wurden unter anderem mit dem RAL-Gütezeichen für Holzhausbau ausgezeichnet.

sur.viva – [be]come home Kooperation zwischen Hochschule, Bauunternehmen und Betroffenen

Auch die Firma Baufritz, einer der Kooperationspartner von Almondia, beschäftigt sich mit dem Thema Flüchtlingsunterkünfte. [ads-pullquote-right]“Die modulare Bauweise der kompakten Wohneinheiten ermöglicht die Schaffung individuell konzipierter und bei Bedarf jederzeit erweiterbarer Räume.“[/ads-pullquote-right] Das Erkheimer Holzhaus-Unternehmen unterstütze eine Studentengruppe der Hochschule Münster bei der Planung und Umsetzung ihres Projekts „sur.viva – [be]come home“. Die Architekturstudenten wollten temporäre Unterkünfte entwerfen, die von Hand in Kürze auf- und wieder abbaubar sind. Die modulare Bauweise der kompakten Wohneinheiten ermöglicht die Schaffung individuell konzipierter und bei Bedarf jederzeit erweiterbarer Räume. Diese sind mit einer Küche mit zwei Herdplatten, einem Kühlschrank, einem Bett, einem Tisch inklusive Sitzgelegenheit sowie verschiedenen Ablagemöglichkeiten ausgestattet. Da sich wie bei allen temporären Unterbringungen auch hier die Frage der Isolierung und Witterungsbeständigkeit stellt, ist angedacht, die Wohnboxen in leerstehenden Gebäuden unterzubringen, beispielsweise in einer alten Fabrikhalle. Somit ist auch die Versorgung mit Wasser und Strom gewährleistet. Der konzipierte Wohnraum soll nicht nur für die aktuelle Flüchtlingskrise nutzbar sein, sondern auch in allgemeinen Notsituationen, wie beispielsweise einer Naturkatastrophe, kann die Unterkunft zum Einsatz kommen. Baufritz stellte den Studenten nicht nur Räumlichkeiten und modernste Technik für die Fertigung, sondern das Knowhow erfahrener Mitarbeiter zur Verfügung und gab auch den Baufritz-Azubis die Möglichkeit, sich in das Projekt zu involvieren. Bei der Konstruktion des ersten Prototyps wurden außerdem drei in Erkheim lebende Flüchtlinge miteinbezogen, wodurch die gesamte Projektgruppe von den Erfahrungen Betroffener profitieren konnte.

Umfassende Sammlung unterschiedlicher Beispiele von Flüchtlingsunterkünften

Dies sind nur drei ausgewählte Modell von alternativen und innovativen Möglichkeiten der Flüchtlingsunterbringung. Auch der deutsche Pavillon der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig setzt sich unter dem Titel „Making Heimat“ mit dem Thema auseinander. In diesem Kontext hat das Deutsche Architekturmuseum (DAM) in Zusammenarbeit mit dem Architekturmagazin Bauwelt eine umfassende Sammlung von realisierten bzw. in Realisierung befindlichen Bauten für Flüchtlinge und Asylbewerber zusammengestellt. Dabei ging es nicht um die Darstellung der besten Beispiele, sondern darum, eine möglichst große Bandbreite der gängigen Lösungen aufzuzeigen. Die Online-Datenbank, welche kontinuierlich aktualisiert und erweitert wird, soll zur Diskussion anregen und bietet eine Grundlage für Entscheidungsträger.

Haben Sie noch Fragen zu einem der dargestellten Projekte oder möchten Sie gerne mehr zum Thema Wohnen für Geflüchtete erfahren? Unsere unabhängigen Experten beantworten gerne Ihre Fragen.

Weitere Teile dieser Reihe

  • Teil IV – Modular statt standardisiert, Holz statt Blech – Alternativen zum Wohncontainer für Flüchtlinge

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